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Mit 64 ging sie in Pension – und lief erst einmal 2300 Kilometer. Dann kehrte Josy Molnar zurück: in die Klinik Zugersee, in die Pflege, in eine Tätigkeit, die sie keinen Tag bereut hat. In der 1:1-Betreuung verhindert ihre Präsenz manchmal das, was niemand will: Zwangsmassahmen.
Die meisten zählen die Tage bis zur Pension. Du aber offenbar nicht?
Ehrlich gesagt: doch! Die letzten Jahre vor der Pensionierung habe ich ein Wohnheim für psychisch beeinträchtigte Menschen geleitet – mit einem 100-Prozent-Pensum und mit allem, was dazugehört. Es war eine prägende Zeit, ich habe viel gelernt. Aber sie hat auch viel verlangt. Im Dezember 2024 war ich froh, loszulassen.
Und dann?
Dann bin ich losgegangen. Buchstäblich. Über vier Monate bin ich den Jakobsweg gelaufen – von Oberwil bis Finisterre in Spanien. Insgesamt 2300 Kilometer, jeden Tag, bei jedem Wetter. Es klingt vielleicht verrückt, aber es war das Richtige. Der Kopf wird frei von Ballast. Man wird demütig und dankbar. Probleme, die gross wirken, relativieren sich plötzlich.
Wann hast du gewusst, dass du zurück in einen Beruf willst?
Nach der Rückkehr hatte ich dieses Gefühl von Freiheit und gleichzeitig den Wunsch nach etwas Sinnstiftendem. Ich hörte von der 1:1-Betreuung – und das hat mich sofort angesprochen. Ich habe meine Bewerbung eingereicht, am Vorstellungsgespräch bereits zugesagt und im Juli die ersten Einsätze gemacht. Geholfen hat auch, dass die Klinik Zugersee buchstäblich vor meiner Haustür liegt. Und: Ich fühle mich meinem Berufsstand verpflichtet – erst recht beim heutigen Fachkräftemangel.
1:1-Betreuung – was steckt genau dahinter?
1:1-Betreuung ist einfach und komplex zugleich. Ich frage die Patientinnen und Patienten nach ihrer momentanen Befindlichkeit, nach ihren Bedürfnissen. Ich biete Gesprächsbereitschaft an, manchmal einen Spaziergang, Spiele, gemeinsames Singen – je nach Zustand. Manchmal braucht es das Gegenteil: Rückzug, Reizabschirmung, einfach Stille. Und ich begleite sie zur Essenseinnahme, übernehme bei Bedarf die Grundpflege, fahre mit ihnen ins Spital zu Untersuchungen.
Bei akut suizidalen Menschen ist permanenter Sichtkontakt zwingend. Das klingt nach Überwachung, aber es ist viel mehr. Ein Suizidversuch ist für viele Betroffene meist zutiefst schambesetzt. Es braucht Fingerspitzengefühl, um die Menschen von ihren Schuldgefühlen etwas zu entlasten. Und man muss die Stille aushalten können, wenn auf eine Frage nicht gleich eine Antwort kommt. Psychisch kranke Menschen spüren in der Regel sehr genau, ob man authentisch ist.
Zwangsmassnahmen sind ein belastendes Thema in der Psychiatrie, auch für Pflegende ist das nicht einfach. Welche Rolle spielt deine Arbeit dabei?
Zwangsmassnahmen können traumatisch sein, vor allem für Patientinnen und Patienten, aber auch für Pflegende. Manchmal sind sie unumgänglich – zum Beispiel bei einer akuten Fremdgefährdung in einer Psychose. Aber wenn ich durch meine Präsenz dazu beitragen kann, dass es gar nicht erst so weit kommt, dann ist das auch für mich eine tiefe Entlastung. Das ist kein kleiner Beitrag. Das ist, warum diese Arbeit so viel bedeutet.
Du hast Jahrzehnte Erfahrung. Was bringst du mit, das Jüngere noch nicht haben – und was lernst du umgekehrt von ihnen?
Mit der Zeit entwickelt man Gelassenheit. Eine Art innere Sicherheit, die man nicht erzwingen kann – die wächst. Das Bewusstsein, auch in herausfordernden Situationen adäquat reagieren zu können. Und man weiss: Die Patientinnen und Patienten selbst haben einem unglaublich viel beigebracht. Andersherum lerne ich von den jüngere Kolleginnen und Kollegen täglich. Sie sind zum Beispiel souverän mit digitalen Mitteln, mit der Pflegedokumentation, mit allem Technischen – da haben sie einen grossen Vorsprung. Das ist bewundernswert.
Wenn eine pensionierte Pflegefachperson zögert – was sagst du ihr?
Wenn sie noch Freude, Energie und Kapazität hat: unbedingt. Es ist eine zutiefst sinnstiftende Tätigkeit. Und man kann selbst bestimmen, wann man verfügbar ist, wann man einen Einsatz annehmen will. Diese Selbstbestimmung ist Gold wert. Ich habe den Entscheid keinen einzigen Tag bereut.
Und nach einem anspruchsvollen Dienst – wie kommst du wieder runter?
Mit klassischer Musik. Oder einem Spaziergang in der Natur. Meistens reicht das.
Was ist heute anders in der Psychiatriepflege als vor zwanzig Jahren?
Die Konzepte haben sich grundlegend weiterentwickelt: Recovery, Empowerment, Peer-Arbeit. Die Selbstbestimmung der Patientinnen und Patienten ist gewachsen. Sie werden viel stärker in Behandlungsprozesse einbezogen. Das ist eine echte Veränderung – und eine gute.
Josy Molnar (65) absolvierte ihre Ausbildungen in Allgemeiner Krankenpflege und Psychiatrischer Krankenpflege, danach eine Zusatzausbildung in Sozialpsychiatrie sowie die Ausbildung zur Institutionsleiterin mit eidgenössischem Diplom. Seit Sommer 2025 ist sie mit sechs bis 13 Einsätzen pro Monat in der 1:1-Betreuung der Klinik Zugersee tätig. Sie lebt in Oberwil, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter sowie einen Sohn und eine Enkeltochter. In ihrer Freizeit reist sie gerne, singt im Chor Bruder Klaus Oberwil, wandert, fährt Velo, liest – und spielt Alphorn, «auch wenn es in letzter Zeit mehr Staub angesetzt hat, als mir lieb ist».
Die 1:1-Betreuung in der Psychiatrie ist eine intensive, zeitlich begrenzte Einzelbetreuung durch eine Fachperson, die bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung zur Deeskalation eingesetzt wird. Sie umfasst meist mehrere Stunden täglicher, kontinuierlicher Begleitung und dient in Akutsituationen zur Vermeidung Zwangsmassnahmen wie z.B. Isolation.
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